Oder wenn man von der Familie getrennt lebt? So gesehen sind viele Menschen heimatlos. Im Licht dieser Fragen erhalten die Bibeltexte, die von unserer „himmlischen Heimat“ sprechen eine ganz neue Bedeutung für das Leben hier und jetzt: Die Kirche ist dann das Kino, in dem der Film von Gottes Heimat schon heute angeschaut werden kann. Zugegeben, manchmal ist das Bild unscharf, die Stühle unbequem oder das Vorprogramm langweilig, aber der Film ist ganz grosse Klasse.

Gott muss mit so viel Ablehnung fertig werden, er erträgt so viel Schmerz und hält vieles einfach aus, ohne das Gefühl zu haben dauernd eingreifen zu müssen. Das kann ich nicht, und diese Art von Kraft hat in einer Zeit, in der alles eine Frage vom „next Level“ oder einer „next Challenge“ ist wenig Chancen wahrgenommen zu werden. Aber gerade diese Kraft hilft mir Zeiten der Ohnmacht und der Kriese auszuhalten. Dabei hilft der Blick auf Jesus, der am Kreuz auch nicht eine Lösung erzwungen hat, sondern es aushielt verkannt zu werden. Mir hilft auch der Blick auf den Heiligen Geist, der zwar nicht immer eingreift, aber sich nie von uns zurückzieht, und mir hilft es mit anderen Menschen über meine Ohnmacht zu reden. So kann ich Situationen, die nicht gut aber auch nicht veränderbar sind besser aushalten.

Und beinahe ebenso automatisch verbinden wir sein Wirken mit den Sternstunden des Lebens: Heilungen, Wunder, Veränderungen oder was auch immer. Klar doch, der Heilige Geist ist dafür da, dass sich unsere Leben ins Plus bewegen. Was aber, wenn sich unsere Leben ins Minus bewegen? Erleben wir den Geist dann nicht? Spannend ist, dass Paulus in Römer 8,18-30, also auf dem Höhepunkt seiner Ausführungen zum Leben mit Christus, den Geist genau mit den Tiefpunkten des Lebens verbindet. Das gibt Mut: Der Heilige Geist einmal nicht nur als Maximierungskraft für unser Leben sonder als Solidarität Gottes, wenn es nicht rund läuft!

Ist ja klar, wir leben von seinem Wort. Oder wir fragen uns noch konkreter, was Gott durch uns anderen sagen möchte. Diese Erwartungshaltung ist positiv. Aber was, wenn er dann gesprochen hat? Im Psalm 81 bin ich auf genau die Frage gestossen, nämlich auf die Frage, welche Antwort Gott von uns hören möchte? Dieser Teil der Spiritualität ist genau so wichtig, denn nicht jede beliebige Antwort auf Gottes Reden ist angebracht. Genau zu hören und zu verstehen, welches nun die angebrachte Antwort auf Gottes Wort ist, ist Teil einer gesunden Spiritualität. Die Mystikerin Hildegard von Bingen hat genau dieses Anliegen Gottes zum Ausdruck gebracht, als sie sagte, dass das Wort von Gott die ganze Schöpfung zum Klingen bringen möchte.

Völlig überrascht hat mich aber, dass er im rabbinischen Judentum eher zweitklassig ist, sozusagen das schwarze Schaf unter den biblischen Helden – obwohl es von ihm heisst, dass er gerecht war. Zudem hat Noah ohne zu murren den Auftrag Gottes ausgeführt und gegen alle Vernunft eine Arche gebaut. Trotzdem spielt im rabbinischen Judentum Abraham die erste Geige, obwohl der ja gar nicht über alle Zweifel erhaben war. Aber was wird denn Noah vorgeworfen, und worin unterscheidet er sich von Abraham? Diese Entdeckung hat einiges in mir in Bewegung gebracht – und Akzente verschoben.

Zum Einen, weil die Gegenwart für viele alles andere als ideal ist, zum Anderen, weil es dann keine Entwicklung, keine Dynamik und keine Hoffnung mehr gibt. Dem Bild von der Zukunft als die endlose Fortsetzung der Gegenwart stellt die Bibel ein radikal anderes Bild entgegen: das Hereinbrechen Gottes in die Gegenwart, und damit das Aufbrechen von neuem Leben. Das ist einerseits die Botschaft von Advent (adventus; das Ankommen), und es ist dynamische Hoffnung mitten in der Gegenwart – ob die nun grau und trist, spannend oder überspannt ist, oder wie auch immer. Auf jeden Fall muss nicht immer alles so weitergehen wie bis anhin: Gott kommt in die Gegenwart – und deshalb bricht Leben auf.

Den Job übernimmt meine Geburtsurkunde, und die fragt nicht nach meinen Gefühlen. Klar, auch wenn ich zunehmend älter werde erlebe ich meine Gefühle immer wieder als neu, frisch, und das unabhängig davon, ob es nun positive oder negative Gefühle sind, die mich „überfallen“. Gefühle sind aber altersunabhängig. Ich bin dankbar Teil einer Gemeinde zu sein, in der ich älter werden darf und nicht einen auf jugendlich machen muss. Und dann gibt es zwei Dinge, die mich auf dem Weg des Älterwerden begleiten: Eines ist der Text aus 1. Johannes 2,12-14, und das andere ist ein Gebet von Theresa von Avila.

Das wird besonders im Gottesdienst sichtbar, wenn wir gemeinsam Gott antworten. Und diese Antwort ist mehr als die Aneinanderreihung von Worshipsongs. Sie kann Klage sein, aber auch Bekenntnis, Hingabe, Jubel, oder sie kann ruhiges Nachdenken sein. Sie geschieht durch Lieder, Gebete, Erfahrungsbericht oder was auch immer. Ich bin dankbar hat in den letzten Jahren die Bandbreite an Texten und Themen bei den Worshipsongs zugenommen. Was ich mir jedoch noch wünsche, wäre auch eine grössere „emotionale Bandbreite“ der Musik, denn oft widerspiegeln die Melodien eine gewisse „emotionale Tonlage“ ganz unabhängig davon, ob es sich um Jubel, Klage, Schuldbekenntnis oder Hingabe handelt. Und dann wünsche ich mir Worshipsongs wie der Lobgesang der Maria; Songs die Gerechtigkeit und Anbetung miteinander verbinden, Songs, die auch sozialen Sprengstoff haben, denn das haben viele biblische Worshipsongs. Ach ja, im Gottesdienst stehen wir übrigens gemeinsam vor Gott. Etwas mehr „wir“ und weniger „ich“ hilft das zu realisieren.

Oder ist sie nicht viel eher ein Buch über Worship? Kaum ein anderes Buch in der Bibel – ausser den Psalmen – enthält so viele Worshipsongs wie die Offenbarung. Nähert man sich diesem Buch einmal von dieser Perspektive her, denn stehen plötzlich ganz andere Fragen im Raum, als: Wer ist der Antichrist? Wann genau geschieht was, und was bedeutet die Zahl 666 oder 144’000? Plötzlich merkt man, dass am Ende die Offenbarung nämlich Fragen an uns stellt, Fragen darüber wen wir anbeten in unserem Leben, worüber wir jubeln und worüber wir klagen (sollten)?