Als ich sechs Jahre alt war, brach für mich eine Welt zusammen: Meine Eltern haben sich getrennt.  Durch diese Tragödie fanden über die Jahre hinweg alle zu Gott, und die Gemeinde wurde für mich zu meiner neuen Familie. Als nach zwölf Jahren meine Eltern, inzwischen beide gläubig, wieder geheiratet haben, jubelten alle und freuten sich über das Wunder. Und es ist ein Wunder. Aber meine Eltern mussten dann im Alltag lernen, mit dem Wunder zu leben. Und das war kein einfacher Weg, denn mit dem Wunder erledigte sich nachher nicht alles von allein.

Schon immer sind Menschen Gott begegnet, weil sie in ihrem Leben ein Wunder erlebt haben. Allerdings werden Wunder als Weg um Gott zu erkennen oder Wunder als Bestätigung der eigenen Berufung schon in der Bibel als zwiespältig betrachtet, so z.B. in Mat. 7.22. Diese Ambivalenz zieht sich vom AT bis zum rabbinischen Judentum hin durch. Man könnte es auch so sagen: Wer im Wunder nicht das Zeichen des Reiches Gottes erkennt, für den sind Wunder kein Zugang zu Gott. Zudem ist ein Wunder nicht einfach etwas, das wir nicht erklären können, also etwas «Übernatürliches», sondern etwas, das auf das Reich Gottes hinweist. Im Wunder wird etwas von der kommenden Herrschaft Gottes hier und heute sichtbar. In den Heilungen von Jesus war das z.B. Gottes Zuwendung zu den Ausgegrenzten. Wird das Wunder auf das Übernatürliche, das Unerklärliche reduziert, wird sein Lebensraum immer kleiner, denn was vor ca. 100 Jahren noch als Wunder gegolten hätte, ist vielleicht heute durchaus erklär- und machbar.

Doch so einfach ist es nicht, denn wer die gute Routine oder gute Traditionen vernachlässigt, dem passieren schnell Fehler, wie jenem Arzt, der bei einem Routineeingriff unachtsam war. Die Folgen für den Patienten wahren verheerend. Und umgekehrt machen gute Traditionen und eine gute Routine oftmals erst Aussergewöhnliches möglich. In der Apostelgeschichte werden gleich zu Beginn zwei solche Geschichten erzählt, in denen Menschen ganz routinemässig gute Angewohnheiten (Traditionen) pflegten und genau dadurch ein Wunder erlebten. Mehr dazu im Video Beitrag.

Wie mit all den Massnahmen umgehen?

Ein Blick auf die 10 Gebote ist dabei hilfreich, denn wenn Freiheit lediglich bedeutet, dass ich tun und lassen kann, was ich will, dann ist das Chaos vorprogrammiert.

Das Judentum spricht dann auch nicht von den 10 Geboten, sondern von den 10 Worten, und das Wort Gottes, das wissen wir seit der Schöpfung, schafft immer einen Lebensraum für alle. Die 10 Gebote sind somit keine Einengung der persönlichen Freiheit, sondern sie garantieren für uns alle einen Lebensraum der Sicherheit und der Verlässlichkeit – genau wie die Regeln im Strassenverkehr. Wie befreiend deshalb die Gebote sind, darüber mehr im Video.

Kann ich den einfach vergrössern und vermehren um dann mehr zu bewirken? Ich glaube das nicht, denn sobald etwas messbar und machbar ist, beginnt das Vergleichen. Und das führt unweigerlich zu Minderwertigkeitsgefühlen, zu Neid oder zu Überheblichkeit. Und überhaupt, was müsste man machen, um mehr Glauben zu haben? Ich glaube, dass Jesus in Sachen Glaube einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat, und dass es nicht um die Menge unseres Glaubens geht, sondern darum, unsere Leben Jesus anzuvertrauen. Und das braucht zuweilen ganz schön Mut, vor allem, wenn er Dinge sagt wie dass bei ihm die Ersten die Letzten sind, oder dass wer sein Leben verschenkt, es gewinnen wird.

Oder wenn man von der Familie getrennt lebt? So gesehen sind viele Menschen heimatlos. Im Licht dieser Fragen erhalten die Bibeltexte, die von unserer „himmlischen Heimat“ sprechen eine ganz neue Bedeutung für das Leben hier und jetzt: Die Kirche ist dann das Kino, in dem der Film von Gottes Heimat schon heute angeschaut werden kann. Zugegeben, manchmal ist das Bild unscharf, die Stühle unbequem oder das Vorprogramm langweilig, aber der Film ist ganz grosse Klasse.

Gott muss mit so viel Ablehnung fertig werden, er erträgt so viel Schmerz und hält vieles einfach aus, ohne das Gefühl zu haben dauernd eingreifen zu müssen. Das kann ich nicht, und diese Art von Kraft hat in einer Zeit, in der alles eine Frage vom „next Level“ oder einer „next Challenge“ ist wenig Chancen wahrgenommen zu werden. Aber gerade diese Kraft hilft mir Zeiten der Ohnmacht und der Kriese auszuhalten. Dabei hilft der Blick auf Jesus, der am Kreuz auch nicht eine Lösung erzwungen hat, sondern es aushielt verkannt zu werden. Mir hilft auch der Blick auf den Heiligen Geist, der zwar nicht immer eingreift, aber sich nie von uns zurückzieht, und mir hilft es mit anderen Menschen über meine Ohnmacht zu reden. So kann ich Situationen, die nicht gut aber auch nicht veränderbar sind besser aushalten.

Und beinahe ebenso automatisch verbinden wir sein Wirken mit den Sternstunden des Lebens: Heilungen, Wunder, Veränderungen oder was auch immer. Klar doch, der Heilige Geist ist dafür da, dass sich unsere Leben ins Plus bewegen. Was aber, wenn sich unsere Leben ins Minus bewegen? Erleben wir den Geist dann nicht? Spannend ist, dass Paulus in Römer 8,18-30, also auf dem Höhepunkt seiner Ausführungen zum Leben mit Christus, den Geist genau mit den Tiefpunkten des Lebens verbindet. Das gibt Mut: Der Heilige Geist einmal nicht nur als Maximierungskraft für unser Leben sonder als Solidarität Gottes, wenn es nicht rund läuft!

Ist ja klar, wir leben von seinem Wort. Oder wir fragen uns noch konkreter, was Gott durch uns anderen sagen möchte. Diese Erwartungshaltung ist positiv. Aber was, wenn er dann gesprochen hat? Im Psalm 81 bin ich auf genau die Frage gestossen, nämlich auf die Frage, welche Antwort Gott von uns hören möchte? Dieser Teil der Spiritualität ist genau so wichtig, denn nicht jede beliebige Antwort auf Gottes Reden ist angebracht. Genau zu hören und zu verstehen, welches nun die angebrachte Antwort auf Gottes Wort ist, ist Teil einer gesunden Spiritualität. Die Mystikerin Hildegard von Bingen hat genau dieses Anliegen Gottes zum Ausdruck gebracht, als sie sagte, dass das Wort von Gott die ganze Schöpfung zum Klingen bringen möchte.

Völlig überrascht hat mich aber, dass er im rabbinischen Judentum eher zweitklassig ist, sozusagen das schwarze Schaf unter den biblischen Helden – obwohl es von ihm heisst, dass er gerecht war. Zudem hat Noah ohne zu murren den Auftrag Gottes ausgeführt und gegen alle Vernunft eine Arche gebaut. Trotzdem spielt im rabbinischen Judentum Abraham die erste Geige, obwohl der ja gar nicht über alle Zweifel erhaben war. Aber was wird denn Noah vorgeworfen, und worin unterscheidet er sich von Abraham? Diese Entdeckung hat einiges in mir in Bewegung gebracht – und Akzente verschoben.